Ein Gespräch mit dem Neurologen Prof. Dr. Saltuari über sportbedingte Kopfverletzungen und deren Folgen

 

 

Beim Skifahren, beim Mountainbiken oder auch beim Radfahren im Stadtverkehr: Stürze kommen vor. Nicht selten wird dabei auch der Kopf in Mitleidenschaft gezogen. Wir wollten wissen, was bei einem Aufprall im Gehirn passiert, welche Folgen ein Hirntrauma haben kann und was die sogenannten Rotationskräfte damit zu tun haben – und haben uns mit diesen Fragen an Prof. Dr. Leopold Saltuari gewandt. Der gebürtige Bozner hat Medizin in Innsbruck studiert und sich anschließend in Pavia in Neurologie und darauf in Mailand in Physikalische Therapie und Rehabilitation spezialisiert. Im Dezember 2019 emeritierte er als Abteilungsdirektor der Neurologie und akuten Neurorehabilitation im Krankenhaus Hochzirl-Natters (Tirol-Kliniken) und ist derzeit wissenschaftlicher Leiter der Research Unit for Neurorehabilitation South Tyrol. 

 

Herr Saltuari, betreiben Sie selbst auch Sport? Wenn ja, welchen? 

 

Ja, in meiner Freizeit betreibe ich gern Sport, da sind meine Interessen auch recht breit gestreut: Im Winter fahre ich Ski oder Snowboard. Ich bin auch ein begeisterter Skitourengeher. Im Sommer wechsle ich zwischen Reiten, Kitesurfen und Mountainbiken – und damit meine ich nicht Downhill oder dergleichen, keine anspruchsvollen Strecken. Keine dieser Sportarten beherrsche ich wirklich meisterlich, das muss auch erwähnt werden. Und ja – diese Fragen stellen Sie mir gewiss als nächstes: Alle bergen auch ein gewisses Risiko in sich, dessen bin ich mir – vielleicht mehr als andere Menschen aufgrund meines Berufes – vollkommen bewusst.

 

  

 

Allerdings – vor allem für den Kopf, nicht wahr? Sie erleben in Ihrem Beruf bestimmt sehr viel …

 

Selbstverständlich sieht man Sport insgesamt schon etwas kritischer, wenn man die Verletzungskonsequenzen konstant im beruflichen Kontext behandelt und mit den Schäden konfrontiert wird. Während früher die schweren Schädel-Hirn-Verletzungen vorwiegend auf Verkehrsunfälle zurückzuführen waren, werden heute deutlich mehr schwere Sportunfälle mit schweren Hirnverletzungen aufgenommen. Der Rückgang der Verkehrsverletzten und Toten ist vor allem auf die verbesserten Verkehrssicherheitsmaßnahmen zurückzuführen, wie Gurte, Helme, Alkohol- und Verkehrskontrollen. Während die klassischen Schädelhirntrauma-Patienten früher junge Autofahrer waren, männlich, zwischen 18 und 30 Jahre alt, stehen heute ältere Sporttreibende im Vordergrund. So jemand wie ich, zum Beispiel. *lacht*

 

Was kann bei einem Sturz beim Rad- oder Skifahren mit dem Kopf denn passieren? Welche sind die häufigsten Verletzungen? 

 

Ganz allgemein kursiert die Meinung, die Fraktur des Schädels sei die gefährlichste Form der Kopfverletzung. Das Hauptproblem jedoch ist bei der Schädel-Hirn-Verletzung das Dezelerationstrauma. Das heißt: Beim Aufprall wird durch die Dezeleration die weiche Hirnmasse in der harten Hirnschale nach vorne und hinten gezerrt und die Flüssigkeitssäulen innerhalb des Gehirns bewegen sich ebenfalls nach vorne und hinten. Dieser Mechanismus ist der entscheidende Schädigungsparameter im Rahmen des Traumas. Eine Fraktur, v. a. im Gesichtsschädel, kann hingegen sogar Energie aufnehmen und eine gewisse Schutzfunktion für das Hirn darstellen. Wenn jetzt zudem noch eine Rotationskomponente dazu kommt, bei der das Gehirn zusätzlich um die eigene Achse gedreht wird, verstärkt sich das Verletzungsrisiko deutlich. 

 

Welche Gehirnbereiche sind bei einem Sturz vom Rad besonders gefährdet? Können manche solcher Verletzungen auch zu bleibenden Schäden führen? Wie sehen die langfristigen Auswirkungen aus?

 

Grundsätzlich können alle Hirnareale betroffen sein, das hängt von der Dynamik des Unfalls und damit von der Art des Hirntraumas ab. Bei schweren Verletzungen können durchaus auch bleibende Schäden die Konsequenz sein: Eine Störung des Kurzzeitgedächtnisses, eine Verminderung der Konzentrationsfähigkeit oder der Aufmerksamkeit ist da noch das geringere Übel, schwere Hirnverletzungen können aber zu schweren Bewegungs- und Verhaltensstörungen bis hin zum Wachkoma führen. 

 

 

Sie sagten, dass auch die Rotationskräfte, die bei einem Aufprall auf das Gehirn einwirken, zu Schäden führen können. Schon seit längerem wird daran gearbeitet auch diese bei der Helm-Zulassung zu testen. Wünschenswert, oder?

 

Der Helm schützt vor dem Dezelerationstrauma, weil er Energie aufnimmt, aber vor einem Rotationstrauma kann er nicht schützen. Ein Mechanismus, der das Rotationstrauma reduziert, wäre äußerst wünschenswert. Dies wäre eine zusätzliche  Steigerung in punkto Sicherheit bei einem Sportunfall. 

 

Auf den Skipisten konnte man in den letzten Jahren einen deutlichen Trend zum Helmtragen erkennen, nur noch eine Minderheit fährt ohne Helm. Beim Radfahren, besonders im städtischen Bereich, scheint sich dieses Risikobewusstsein noch nicht durchgesetzt zu haben. Ist es notwendig, hier mehr Aufklärungsarbeit zu leisten und die Bewusstseinsschärfung zu fördern? Wie würden Sie argumentieren? 

 

Es ist in allen Bereichen, sowohl im Verkehr als auch beim Sport, absolut anzuraten einen Helm zu tragen! Das Bewusstsein dafür sollte meiner Meinung weiter gefördert werden, nicht nur im Sport. Nicht selten werden Radfahrer von Autofahrern übersehen. Die Aufprallenergie wird natürlich vorwiegend durch die Geschwindigkeit des Autos bestimmt und Schädel-Hirn-Traumata sind dabei immer die schwersten Verletzungen. Die Qualität des Helms ist dabei natürlich entscheidend. Jeder Radfahrer sowie alle Sporttreibenden sollten bei der Helmauswahl sorgfältig und bedacht vorgehen, sich von einem Fachmann beraten lassen und nicht die Optik des Helms in den Vordergrund stellen. Ein wichtiger Parameter ist die Passform des Helms und seine Fixierung. Häufig löst sich der Helm während des Sturzes noch vor dem Aufprall vom Kopf und verliert damit seine Schutzwirkung. 

 

Ja, Sicherheit ist zur Zeit generell ein starkes Thema. Vielleicht wirkt sich das auf alle Lebensbereiche, auch auf den Sport, positiv aus. Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch!